Eigener Kommentar zu einem Lied
  • Comin´ and Goin´


  • Licht, Luft, Wasser und Wärme


  • Lay this body down


  • Klarer Nebel


  • Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt
  • Mehr als Ja und Amen


  • Singt Gott unserm Herrn


  • Go down Moses


  • Komm Herr segne uns


  • Herr, du bist mein Hirte

  • Comin´ and Goin´

    Das zweite Nordelbische Chormeeting hat eine Hymne! Als Scott Stroman am Schluss seines Workshops dieses Lied heraus holte - bis zum Mittagessen waren noch knappe 20 Minuten Zeit - und sich anschickte, es mit den 280 Teilnehmern mal eben noch für das abendliche Konzert einzustudieren, dachte ich: Jetzt hat ihn wohl die Euphorie geholt! Das ist nie und nimmer zu schaffen. - 20 Minuten später hatte sich das Lied die Stimmen und die Herzen der Sängerinnen und Sänger erobert. Es erfüllte den Workshops-Saal und später beim abendlichen Konzert die Plöner Nikolaikirche mit seiner einprägsamen Melodie und dem textlichen Bild von der Erhabenheit und Gelassenheit des Adlers, der durch die Lüfte schwebt: Ein starkes Bild von Freiheit! Die indianischen Wurzeln des Komponisten prägen die Ausstrahlung dieses Liedes. Ganz klang-bildhaft schwingt sich die Melodie der Strophe wie ein Adler in die Lüfte. Die steigende Basslinie in der Akkordfolge schiebt entsprechend mit nach oben. Im Refrain schließlich hat er die Flughöhe erreicht, um sich mit seinen großen Schwingen heftig abstoßend in die Weite zu begeben: Ein starkes Bild, ein starkes Lied!
    (zu hören auf der CD des 2. Nordelbischen Chormeetings "Gospel und Pop")

    Hartmut Naumann (November 2000)

    Noten, Text & Melodie
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    Licht, Luft, Wasser und Wärme

    Es ist kein Popsong. Es versucht nicht, mit Slang-Begriffen seine Modernität zu beweisen. Es bemüht keine Popballaden-Akkorde, keine addierten Nonen bis zum Abwinken und keine verordnete Spannung mittels Quartvorhalten, die sich natürlich nicht auflösen dürfen. Alles Fehlanzeige. Hier ist ein Lied, dessen Programm Schlichtheit ist und gerade deshalb überzeugt. Klar ist über die Liebe schon der eine oder andere Satz gesagt worden. Ich würde mal tippen: Bibliotheken voll. Hier geht es um den einen Gedanken, verpackt in einem schlichten Bild. Alles ist wichtig und hilft mir, lebendig bin ich erst durch die Liebe. Mag sein, dass der Autor als damaliger Franziskaner-Mönch gerade im Klostergarten häckelte, als ihm dieses Bild durch den Kopf ging. Welche Art der Liebe er auch immer gemeint hat. Dieses Bild bleibt stimmig, wie man´s auch dreht. - Musikalisch mutet uns der Kuttenmann erstaunliche Quintsprünge zu (Rudimente aus der Gregorianik?), die sich aber leicht erschließen und Bewegung in die Melodie bringen. In der Strophe darf´s dann sogar mal ein Oktavsprung sein. Für ungeübte Mitsänger eine Klippe. Manch einer reißt beim ersten Mal die Latte, aber es gibt ja drei Strophen, also drei Versuche. Insgesamt gesehen macht das Lied, mit einem treibenden Begleitrhythmus versehen, Spaß, mitzusingen, geht ins Ohr und wenn´s gut läuft ins Herz, wo ja bekanntlich die Liebe wohnt.

    Hartmut Naumann (Juli 2000)

    Text & Melodie
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    Lay this body down

    Ich kenne das Sternenlicht und das Mondlicht. Sie sind die Boten einer Stille, die nach dem Kampf kommt. Wie häufig geht es mir dann auch so: Es ist Zeit, der Hektik des Alltags zu entfliehen und seine Glieder auszustrecken. Das kann man sehr gut nachvollziehen. Nach getaner Arbeit in eine tiefe Ruhe zu gleiten - das tut gut. In dem Lied schwingt jedoch eine andere Stimmung mit. Es ist nicht die Ruhe des Feierabends. Es ist die endgültige Ruhe des Friedhofs. Es schwingt die Sehnsucht nach einem Ende mit, das endgültig Schluss macht mit diesem Sein. Welch Lied das gewesen sein muss, aus dem diese Wünsche entstanden! Aber auch welch eine tiefe Hoffnung auf die zukünftige Welt in Gottes Reich!
    Nun, mir ist die Sonne doch wichtiger als Mondlicht auf dem Friedhof. Trotzdem ist da etwas, das dieses Lied so anziehend macht. Als Konfirmanden wurde uns im Unterricht "Go, tell it on the mountain" vorgestellt. Und obwohl ich mit diesem und mit ähnlichen Liedern eine gefühlsmäßige Berg-und-Tal-Fahrt erlebt hatte, bin ich doch immer sehr berührt, wenn ich Gospelmusik höre oder sogar (in aller Zurückhaltung) mitsinge. Beeindruckend sind für mich die Stimmungen in der Sprache mit den vielen klagenden o`s darin, der zum Mitmachen zwingende Rhythmus und die biblischen Anmerkungen.
    Zu diesem Spiritual, das mich auch deshalb besonders berührt, habe ich erst sehr spät ein Verständnis bekommen. Dieses kommt auch aus dem Verständnis des Textes. Ich höre es gerne, wenn ich mich einer schwermütigen Stimmung hingeben will.

    Klaus-Henry Flemming (Januar 2000)

    Text & Melodie
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    Klarer Nebel

    Klarer Nebel diese Metapher, die dem Lied auch den Titel gibt, macht auf poetische Art deutlich: Hier geht es nicht um schnelle Antworten auf die Frage nach Gott. Keine Schubläden werden aufgezogen, in denen jeweils ein Gottesbild ruht je nach Situation verfügbar: "Lieber Gott", "Vater", "Schöpfer", "Versöhner", "Richter". Die Autorin geht in Zwiesprache mit einem Gott, der für sie mehr ist als eine Serviceleistung, mehr als ein nutzbar gemachter Allerweltsjoker für jede Gelegenheit: "Du bist mehr als Ja und Amen, du bist mehr als ein Wort!" Für sie ist dieses Gegenüber größer und rätselhafter: "...an unsre Grenzen stößt es an." So kann sie es nur mit dieser gegensätzlichen Metapher ausdrücken: "Wie klarer Nebel zum Beweisen zu groß." Die Intimität dieses Textes wird durch die Schlichtheit der Melodie ausgesprochen unterstützt, keine überflüssigen Schnörkel, keine hektischen Akkordwechsel. Der Text kann in Klarheit fließen und wird nicht vernebelt. Mit diesem Lied hat die erst siebzehnjährige Lena Katharina Voß völlig zurecht den ersten Preis beim Songwettbewerb 1999 gewonnen.

    Hartmut Naumann (Oktober 1999)

    Text & Melodie
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    Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt (EG98)

    Dunkelheit, zur Regungslosigkeit verbannt und keine Hoffnung auf Hilfe. Ich maße mir nicht an die Verzweiflung eines Lawinenopfers in unseren heutigen Tagen nachempfinden zu können, aber dieses Gefühl von Hilflosigkeit bei wachem Bewußtsein ist mir allemal bekannt. Diese Assoziationen tauchten vor meinen Augen auf, als ich die Zeilen des Liedes laß: "Korn das in die Erde, in den Tod versinkt!" Wir haben Passionszeit, wie jedem sofort nach dieser ersten Zeile klar wird. Aber ein Lied besteht eben nicht aus einer Zeile. "Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün." Vertrauen, Hoffnung, Liebe - so wie die Erde und ihre Wärme das Samenkorn zur Pflanze ausbrechen lassen, befreit die Liebe uns von unserer Enge, von unseren Beklemmungen. Das ist nichts Neues; was fasziniert mich also an diesem Lied, das keineswegs zu den Gassenschlagern des Kirchentages gehört. Eine unkommentierte Gegenüberstellung: "Tod versinkt - Liebe lebt". Keine verordnete gute Laune a la "Danke für meine Arbeitsstelle ..." und auch kein NGL-Rezept als Lebensgebrauchsanweisung. Der Gegensatz zwischen Leid und Hoffnung muß selbst gefüllt, erfahren und durchlebt werden. Das reizt und lädt ein zum bewußten Singen. Und auch die Musik macht mit: Dorisch - ein meditativer Teppich. Die Melodie erhebt sich aus diesem Teppich mit einer Quinte und läßt gleich darauf die Sonne leuchten: die dorische Sexte (große statt wie zu erwarten die kleine Sexte in Moll). Beim meditativem Improvisieren über dies Stück stelle ich fest: Immer häufiger läßt man das C# erklingen. Es bricht sozusagen aus Erde heraus. Eine so reizvolle Übereinstimmung zwischen Text und Harmonik finde ich selten und ließ mir dieses Stück ans Herz wachsen. Ein weiterer Pluspunkt: Es eignet sich in jeder Besetzung. Ob als Gemeindelied nach dem Orgelchoralbuch begleitet; ob als Posaunenchorsatz oder als Grundlage für eine Jazzimprovisation. Mit den unten angegebenen Harmonien sollte es auch in der Jugendgruppe als Mitsingelied ankommen, denn trotz des offensichtlich älteren Textes kann sich jeder in diesem Lied wiederfinden.

    Torsten Allwardt (März 1999)

    Text & Melodie
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    Mehr als Ja und Amen

    Der Text interpretiert mit treffenden Worten die Idee der Kampagne. Er beschreibt die Suche nach intensiven Lebenserfahrungen jenseits von vorgegebenen Kategorien - und Ahnung, dass das Leben anders und schöner sein könnte. Genau damit wird aber auch gesagt, dass das Leben und besonders die Kirche so, wie wir uns das wünschen, nicht sind. Das Lied bringt die Sehnsucht nach einem ehrlicheren Miteinander zum Ausdruck, die besonders von Jugendlichen oft geäußert wird.
    Dieses Lied entstand zur Eröffnung der Kampagne. Mit der Kampagne wollen wir gemeinsam mit Jugendlichen laut sagen, dass wir zu dieser Kirche nicht nur Ja und Amen sagen, dass sie verbesserungswürdig ist und dass das Leben mehr sein kann, als das (sonn-)tägliche Einerlei.
    Die Melodie hat Schwung und reißt mit, ist aber nicht so ganz einfach zu lernen. Der Komponist traut den Menschen mehr als das Schlager-Einerlei zu - und ist damit auf viel gute Resonanz gestoßen. Das Lied lässt sich gut auf der Gitarre begleiten - eine gute Voraussetzung für einen größeren Verbreitungsgrad. Es lässt sich alleine oder mehrstimmig singen, je nach Gruppengröße und Können. Ich wünsche ihm, dass es bald in aller Munde ist. Singt und schwingt mit!

    Karin Grabenhorst (Oktober 1998)

    Noten, Text && Melodie
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    Singt Gott unserm Herrn

    "Singt Gott unserm Herrn" - Diese schlichte Aufforderung klingt auf portugiesisch Cantai oa Senhor! und weiter singt das kleine Lied: um cantico novo! = Singt ihm neue Lieder. - Eigentlich müßte man sich glatt mit dieser Sprache befassen, um diesem netten Song richtig auf die Spur zu kommen. Man muß ja nicht gleich alles verstehen, aber der Klang... Nun, wie dem auch sei. Eine Übersetzung ist immer ein klanglicher Kompromiß. Dieser hier ist aber durchaus akzeptabel: "Singt Gott unserm Herrn, singt ihm neue Lieder" - die Aufforderung allein ist ja schon powerful und könnte Sprengkraft beinhalten, nähme man sie beim Wort. Ich will aber jetzt nicht schon wieder kirchenmusikalische Verkrustungen anprangern, sondern mich lieber an diesem Lied freuen, das mich auch musikalisch ganz schnell für sich einnehmen läßt, mich an die Hand nimmt und an Brasiliens Atlantikküste entführt. Hier angekommen, wird mir auch der Rhythmus klar, der diesem Lied in der Begleitung unterlegt werden muß. Die Gitarre ist das prädestinierte Begleitinstrument dafür, sie muß mit perkussiven Salven über abgestoppten Akkorden gespielt werden: mit Anstrengung gebändigte Rhythmik. Klar, daß die Harmonien nicht ihren abendländischen "Kadenz-Dreiklangs-Gang" gehen! Angesagt ist jazzige Vier- und Fünfstimmigkeit. So lebt die schlichte Melodie zum hitzigen Tanzlied auf und weg ist die Langeweile in der Kirchenbank (für Sekunden). Der Text der einzelnen Strophen ist dabei denkbar einfach, weil jede neue Zeile dreimal wiederholt wird, bevor sie in die ostinative Aufforderung: Singt Gott unserm Herrn hinein mündet. Dieses zuverlässige Prinzip für Mitsingbarkeit findet man u.a. auch bei den Spirituals.
    Und sowas steht auch im Gesangbuch?! Immerhin. Die Begleitsätze im Orgelbuch und auch im Posaunenbuch lassen allerdings nicht auf ein rhythmisches Kleinod schließen. Statt dessen könnte man bei diesen Sätzen den Eindruck bekommen, das Lied sei ein gutes Stück deutscher Kirchenmusiktradition und die Textpassage mit den Neuen Liedern ist gar nicht so gemeint. Da auch das Gitarrenbegleitbuch zum EG keinen Satz bietet, muß der wackere Spieler wohl selbst ran. Was man dazu braucht? Lust am brasilianischen Groove, ein paar passende Akkorde und ... na ja, schön wär´s schon in portugiesisch.

    Hartmut Naumann (Juni 1998)

    Text & Melodie
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    Go down Moses

    Harriet Tubman war eine Sklavin auf den Plantagen der Südstaaten gewesen. Eines Tages konnte sie es nicht mehr aushalten, oder besser, ihr Mut reichte endlich, um sich davon zu machen in die Freiheit der Nordstaaten. Ein langer und beschwerlicher Weg lag vor ihr, nachts lief sie in die Freiheit und tagsüber suchte sie ein gutes Versteck zum Schlafen. Schließlich war es geschafft, sie hatte das wonach sie sich so lange gesehnt hatte: Freiheit. Unter den Schwarzen gab es eine Freiheitsorganisation, die Underground Railoard. In den Spirituals wird diese Eisenbahn gerne Gospel Trains genannt. Es war natürlich keine echte Eisenbahn, sondern Menschen wurden von Plantagen befreit und in einem "Zug" in den Norden geführt. Die "Lokomotive" war meist ein geflohener Sklave, der den Weg in die Freiheit kannte. Auch Harriet Tubman war eine Lokomotive, eine Führerin durch die Sümpfe, Steppen und Wälder in den Norden. Über dreihundert Sklavinnen und Sklaven soll sie in die Freiheit geführt haben. Sie wurde Moses genannt, die mit jedem entführten Menschenzug den Unterdrückern sagte: "Let my people go!" Das Beispiel der Mosesgeschichte im Alten Testament wurde in der Geschichte der Schwarzen in Nordamerika auf viele Männer und Frauen übertragen, die für die Freiheit gegen die Unterdrücker kämpften. Auch Martin Luther King wurde gern als Moses bezeichnet, wie Harriet Tubman mehr als 100 Jahre vor ihm. Diese Geschichte hinter den Negro Spirituals erschließt mir heute eine ganz andere Dimension dieser Lieder. Mit diesen Geschichten und dieser Geschichte im Gefühl ist die Musik noch bluesiger und eindringlicher, ist der Rhythmus noch bewegter und bewegend. Wenn ich singe: "Let my people go!" denke ich an meine Lebenswelt, an die vielen Gefangenen unserer Welt, an meine eigenen Unfreiheiten. Den Übermächtigen unserer Zeit singe ich ins Gesicht: "Let my people go!" Mit diesem Bezug gewinnt diese Musik ihre Kraft in der Melodie und in ihrem Rhythmus, auch wenn ich mal ganz langsam singe. Spirituals sind keine Shanties (auch wenn es manchmal in unseren Kirchen den Anschein erweckt), denn in den Spirituals wird die Erfahrung der brutalen Unterdrückung, der Protest gegen das Sklavenleben und die Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit zum Ausdruck gebracht. Daher beziehen Rhythmus und Melodie ihre ganze Kraft.

    Frie Bräsen (November 1997)

    Text & Melodie
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    Komm Herr segne uns (EG170)

    Dieses Lied ist nun schon beinahe zwanzig Jahre auf der Welt und in dieser Zeit hat sich offensichtlich noch niemand wackeres gefunden, der es mal gnädig aus Liederbuch-Neuauflagen oder aus jugendgemäß gemeinten Gottesdiensten, wenigstens aber aus dem Kirchentags-Liederheft hinausgetan hätte und in den von Anfang an verdienten Lieder-Ruhestand oder vielleicht einfach nur in den Papierkorb befördert hätte. - Obwohl: in diesem Falle hätten wir nicht ein so leuchtendes Beispiel vor uns für die Tatsache, dass Lieder auch durch häufiges Singen und auch durch noch häufigeres Abdrucken einfach nicht besser werden. Holpernde "Finger-saug-Lyrik" wird nicht stimmiger durch schiere Wiederholung und die Qualität eines Liedes konnte noch nie an den aufgelaufenen Tantiemen abgelesen werden.
    Ja aber, es ist doch immer so schön! Na schön, die Melodie ist schnell mitsingbar. Auch von Notenunkundigen sind die schwarzen Punkte und Kreise beinahe auf Anhieb absingbar. Dieses kompositorische Entgegenkommen - oder soll ich sagen: Entschlackung bis zur Banalitätsgrenze - wird einem schnell wieder bewusst, wenn man bei der dritten oder vierten Gelegenheit versucht, Freude am Singen dieser Melodie zu empfinden. Gelangweilt lässt man sich dann schon mal den Text der einzelnen Strophen auf der zunehmend pelzig werdenden Zunge zergehen: Komm, Herr, segne uns, dass ("damit" wäre wohl richtiger, hat aber leider zwei Silben) wir uns nicht trennen (wer trennt sich von wem? wir uns voneinander?), sondern (im nicht ganz logischen Gegensatz dazu) überall uns zu dir bekennen. Nie sind wir allein (wer sich allein fühlt, irrt sich), stets sind wir die Deinen. Lachen oder Weinen (hier musste wohl wiedermal ein Reim her) wird gesegnet sein. (Man wagt sich gar nicht auszumalen, was zwischen Lachen und Weinen gleich alles mit gesegnet sein wird.). In der zweiten Strophe wird dann munter weitergehoppelt, dass wir nicht sparen müssen und dass Segen gedeihen kann, wo wir z.B. "schlimmen (man sieht den väterlich drohenden Zeigefinger vor sich) Schaden heilen" usw. Dass den Dichter bei diesem Werk sein persönlicher Reim- und Metapherberater im Stich gelassen hat, wird spätestens in der dritten und - Gott sei Dank - letzten Strophe deutlich: Nach gutem Start über die Ambivalenz des Friedens wird der Herr aufgefordert, zu helfen "wo wir ihn (den Frieden) erspähen", damit der danach unvermittelt hereinplatzende Tiefsinn ("die mit Tränen säen...") nicht ganz so ungereimt daherkommt. - Klar hat auch ein christlicher Liedermacher nicht immer einen guten Tag und ist auch nicht jeder Wurf ein gelungener, aber musste dieses Lied so bekannt werden? Es ist eben doch nicht immer nur Qualität, was sich so durchsetzt.

    Hartmut Naumann (August 1997)

    Text & Melodie
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    Herr, du bist mein Hirte

    "Herr, du bist mein Hirte" - das sind alte Worte, ein uralter Songtext. David - wie und mit welchem musikalischen Gestus mag er dieses Lied wohl psalmodiert haben? - Wie auch immer. Siegfried Fietz nimmt mich mit seiner musikalischen Version an die Hand, setzt mich ans Ufer, drückt mir eine Gitarre in die Hand und läßt mich mit dieser Musik den alten Text als Liebeserklärung erleben, als Zuspruch fernab von aufreißerischen, bombastischen Schlagworten. - Bei der textlichen Bearbeitung wird angenehm verzichtet auf hemdsärmelige Modernität und Kommentierungen, die meist gepaart mit Handlungsanweisungen für das christliche Leben daherkommen. Nein, der Psalm darf seine Metapher behalten und diese dürfen in einer schlichten und verständlichen Form gesungen werden. - Im langsamen Dreiertakt fängt das ganze an zu schwingen (bis zum "Rumtata-Walzer" ist noch ein weiter Weg), selten aber habe ich es bisher erlebt, daß das Tempo beim singen - wie meist in solchen Fällen - zunimmt. Das weiß dann meist - mehr unbewußt - der Gitarrist zu verhindern, wenn er sich durch die vielen Akkorde quält (die ja eigentlich für ein Klavier bestimmt sind und dort locker bewältigt werden). Trotzdem schlage ich gerade den Gitarristen vor,nicht einfach jeden zweiten Akkord auszulassen, sondern die harmonische Fülle einschließlich Baßlinie voll auszuspielen. Allenfalls könnte man auf die x-te Zwischendominante (A7) im ohnehin schon dichten neunten Takt verzichten. - Schade finde ich die merkwürdige Synkope in der Melodie des ersten Refrain-Taktes. Dieser Schlenker ist wohl aus der Solo-Version des Liedes, das aus dem Fietzschen "David-Oratorium" stammt - in den Notentext hineingeraten und darf bestimmt protestfrei auf gleichmäßige Viertel glattgesungen werden. - Ein schönes Lied, eine gute Abwechslung für treibende Grooves, ein Lied nicht nur für einen einzelnen singenden Gitarristen am Ufer.

    Hartmut Naumann (Februar 1997)

    Text & Melodie
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